Susa Schreiner bei schlechtem Wetter

Wenn das Wetter aufdreht – eine Liebeserklärung an Sturm, Regen und Kälte

Es gibt Abende, die das Herz höherschlagen lassen – nicht wegen lauer Sommernächte, sondern wegen der Ankündigung eines Islandtiefs. Wenn Meteorolog:innen von Sturmfronten sprechen, die das Land „ordentlich durchschütteln werden“, keimt in mir eine Vorfreude, die andere kaum (bis überhaupt nicht) nachvollziehen können. Während viele im November von Sonne träumen, feiere ich die Rückkehr von Wind, Regen und Kälte.

 

Meine etwas andere Wetterliebe

 

Ich gebe zu: Es ist eine verkehrte Welt, in der ich lebe. Wenn sich der Himmel verdunkelt, die ersten Tropfen an die Scheiben klopfen, beginnt in mir etwas zu leuchten. Diese Umkehrung aller Erwartungen ist kein skurriler Spleen, sondern eine bewusste Entscheidung für die Intensität der Elemente.

Schlechtes Wetter ist ehrliches Wetter. Es täuscht nichts vor, ist unverstellt, roh, direkt. Der Wind raubt mir den Atem, der Regen kriecht durch jede Naht, die Kälte macht die Hände steif – und genau darin liegt seine Schönheit. In diesen Momenten wird Natur spürbar, unverhandelbar, echt.

 

Regentropfen an Scheibe

Schlechtes Wetter ist ehrliches Wetter, findet unsere Autorin Susa Schreiner. Foto: Canva

 

Sturm satt – ein Urlaub im Tiefdruckgebiet

 

Einen meiner eindrucksvollsten Urlaube verbrachte ich vor einigen Jahren Anfang November in Norditalien. Die Wetterprognose: miserabel. Statt Campingplatz ein kleines Ferienhaus – mit Schwedenofen und Panoramafenster. Aber absagen? Niemals.

Als wir ankamen, schien natürlich die Sonne. Ich arrangierte mich, etwas irritiert, mit dem milden Herbstnachmittag – und wartete auf das Tief. Am nächsten Morgen war es da. Und blieb. Eine Woche lang.

Unsere Vermieterin schrieb besorgt, es tue ihr leid wegen des Wetters. Ich antwortete, dass alles wunderbar sei – und tippte die Nachricht mit klammen Fingern, während mein Mann mir die steifgefrorenen Radhandschuhe auszog. Zuvor hatten wir 1.000 Höhenmeter im Regen absolviert, eingehüllt in Stille und Nebel. Kein Verkehr, kein Geräusch außer dem Atem, dem Regen, dem Rascheln nasser Blätter.

Oben, unter einer dichten Tanne, zog ich ein trockenes Shirt über und trank heißen Tee. Glück war in diesem Moment keine Idee, sondern fühlbar. Mein Mann und ich blickten uns verschwörerisch in die Augen. Wir hatten etwas erlebt, das kein Wellnesshotel je bieten kann.

Die Rückfahrt war eine Taufe durch die Elemente. Wasserfontänen spritzten aus den Schuhen, die Finger waren so klamm, dass ich Hilfe beim Ausziehen brauchte. Und wir lachten – laut, glücklich, wie Kinder.

 

Schneesturm

Bei rauem Wetter werden für Susa die Elemente erlebbar, fühlbar. Foto: Canva

 

Heidi, meine Komplizin für Schnee, Regen und Nebel

 

Manche Abenteuer teilt man am besten mit jemandem, der keine Wetter-Apps liest. In meinem Fall: Heidi, eine 45 Kilo schwere Schweizer Hündin mit Herz aus Gold und stoischer Gelassenheit.

An einem dieser Tage, als der Regen unaufhörlich fiel und die Nebelbänke an den Bergen klebten, zog es mich hinaus, fast schon magisch. Mein Mann winkte ab, Freunde reagierten klug nicht auf meine „Hast du heute Zeit?“-Nachrichten. Nur Heidi war bereit.

Wir stapften los – Regen, Schnee, Wind, alles gleichzeitig. Nebel umhüllte uns, Heidi ging voraus, aufmerksam, sicher. Wenn sie innehält, weiß ich, da ist Leben um uns, auch wenn ich es noch nicht sehen kann. Am Gipfel teilen wir uns ein Leckerli. Und wenn sie zuhause am Gartentor wieder erwartungsvoll hüpft, weiß ich: auch sie liebt dieses Wetter.

 

Die Sehnsucht nach dem Schneesturm – mein ganz persönliches Wetterglück

 

Der Winter kann kommen. Und wenn die alten Königskerzenleser recht behalten, wird er schneereich. Mein Physiotherapeut – selbst Schneesturmliebhaber – prophezeite es mir kürzlich mit leuchtenden Augen.

Ich wünsche mir Winter wie früher: mit Sturm, Schnee und allem Drum und Dran. Als Ende November einmal dicke Flocken an meinem Geburtstag fielen, schrieben Freunde: „Heute ist dein Tag – Susa-Wetter!“ Und tatsächlich, oben am Hang, im Sturm in die Hocke gezwungen, fühlte ich mich genau da, wo ich hingehöre.

 

Blauer Himmel? Langweilig!

Viele sehen die Dunkelheit des Winters als Mangel – ich sehe sie als Tiefe. Der blaue Himmel? Hübsch, ja. Aber ein bisschen eindimensional. Immer nur blau, blau, blau. Die Dunkelheit dagegen spielt in unzähligen Nuancen.

In Norwegen, wo sie im Dezember fast greifbar ist, zeigt sich die Dunkelheit von Grautönen bis hin zu sattem schwarz, in Nuancen, die in keinem Farbfächer existieren. Eine Reise auf dem Postschiff durch diese Winternächte steht noch auf meiner Liste. Nicht aus Fernweh, sondern aus Sehnsucht nach Echtheit – nach einer Welt jenseits elektrischer Dauerbeleuchtung.

 

Berg im Sturm

Schlechtes Wetter duldet keine Ablenkung, es zählt nur der Moment. Foto: Canva

 

Das Paradox der Intensität

Ich liebe auch den Sommer und die Hitze. Aber während Sommergefühle zumeist flüchtig sind wie Glühwürmchen an lauen Sommerabenden, brennen sich Wintererlebnisse ein. Sie bleiben. Vielleicht, weil sie uns zwingen, anwesend zu sein.

Schlechtes Wetter duldet keine Ablenkung. Kein Scrollen, keine Halbherzigkeit. Wenn Sturm und Schnee mich umtoben, zählt nur der Moment. Nur der Atem. Nur das Gefühl, lebendig zu sein.

 

Manchmal muss man sich richtig durchnässen lassen

Diese Zeilen sind meine Liebeserklärung an die dunkle Jahreszeit. Und ein leiser Aufruf: Zieht die Regenjacke an, füllt die Thermoskanne, und geht raus – gerade dann, wenn’s am ungemütlichsten ist.

Ihr werdet überrascht sein, was ihr da draußen findet: keine graue Welt, sondern eine Welt voller Tiefe, Stille und Klarheit. Eine Welt, in der jeder Schritt zählt.

Denn manchmal muss man sich richtig durchnässen lassen, um zu begreifen, was es heißt, wirklich lebendig zu sein.

 

Das könnte dich auch interessieren: