Die südnorwegische Region Telemark ist die Wiege des modernen Skisports – und eine Wintersportdestination für Skitourenfans, Langlauf-Liebhaber:innen und alle, die den Winter als Märchen erleben wollen. Ganz real.
Tief verschneite Wälder. Schmucke Holzhäuser am Ufer gefrorener Seen und verstreut in menschenleeren Landstrichen. Warmes Kerzenlicht hinter Fenstern, während die Luft nach Feuerholz duftet. Telemark ist eine Region, die aussieht, als hätte sie sich bewusst gegen die Eile der Welt entschieden. Damit der Winter hier so bleiben kann, wie ihn Liebhaber:innen mögen: weiß, kalt, still, echt.
Und doch geht es in Telemark nicht nur um Landschaft. Sondern auch um Geschichte – um einen Ursprung, den man hier nicht im Museum versteckt, sondern draußen spürt: auf Ski.
Telemark in Norwegen: Wintermärchen und Wiege des Skisports
Wintersportfans verbinden Telemark oft zuerst mit einem eleganten Ausfallschritt: dem Telemarkschwung. Skispringer zeigen ihn im Auslauf nach ihren kühnen Sprüngen, und hin und wieder sieht man ihn sogar auf Alpenpisten – meist begleitet von staunenden Blicken. Denn mal ehrlich: Keine andere Skitechnik wirkt so sehr wie ein Kunstwerk aus Eleganz und Kontrolle.
Aber was hat dieser Schwung mit der Region zu tun?
Nun: Alles. Denn hier, in Telemark, liegt seine Geburtsstunde. Hier lebte und wirkte Sondre Norheim (1825–1897), der als Pionier des modernen Skifahrens gilt. Er entwickelte Bindungen, die dem Ski Halt gaben, und verfeinerte die Technik des Kurvenfahrens – ein entscheidender Schritt, der Skifahren vom Fortbewegungsmittel zum Sport machte. Telemark ist damit nicht nur landschaftlich ein Wintertraum, sondern historisch ein Ort, an dem Wintersport seine moderne Form gefunden hat.

Blick auf das Geburtshaus von Sondre Norheim in Telemark. Foto: Susa Schreiner
Rjukan in der Telemark: Eisklettern am Fuß des Gaustatoppen
Eiskletter-Fans schätzen die Region aus ganz anderen Gründen: Rjukan. Das kleine Städtchen liegt mitten in Telemark, direkt am Fuß des Gaustatoppen – und gilt als Eiskletter-Mekka, zu dem Eiskletter:innen aus ganz Europa pilgern. Wenn die Temperaturen passen, frieren hier Wasserfälle zu senkrechten Eiswänden, oft mit der Anmut von Kathedralen. Dann wird die Landschaft zur Freiluftbühne für alle, die den Winter gern mit Steigeisen und Eisgeräten erleben. Und genau deshalb wollten auch wir nach Telemark.
Warum wir nach Telemark fuhren – und wie aus Plan B ein Plan A wurde
Unser erster Anlauf 2020 scheiterte am Corona-Lockdown. Dieses Jahr sah es pandemiemäßig gut aus – dafür kreuzte eine ausgefranste Sehne am Ellenbogen unsere Pläne. Der Arzt sprach ein klares Eiskletter-Stopp aus. Aber: Ski und Loipe seien möglich, so der Doc.
Und plötzlich spielte Telemark seine große Stärke aus. Ich war schon einmal hier – und erinnerte mich daran, wie gut mir diese Region getan hat. Weil sie nicht nach Hotspot-Momenten jagt, sondern ehrliche Wintererlebnisse bietet. Kein Spektakel, dafür viel kuppiertes Gelände. Unzählige Seen unter dicken Eisschichten. Extralange Langlaufloipen. Und ein Bewusstsein für Entschleunigung, das sich ganz selbstverständlich auf die Gäste überträgt.

„Kein Spektakel, dafür viel kuppiertes Gelände und ein Bewusstsein für Entschleunigung“, so beschreibt unsere Autorin Telemark. Foto: Susa Schreiner
Also wechselten wir das Ziel: weg vom Eis, hin zum Schnee. Langlaufen, Skitouren, kleine Skigebiete – und Loipen, die sich wie endlose Linien durch die Landschaft ziehen. Plan B fühlte sich schnell nach Plan A an.
Anreise nach Telemark: Mit Bus und Fähre nach Südnorwegen
Materialvielfalt und die Lust, viele Ecken zu erkunden, ließen uns für Bus und Fähre entscheiden. Zugegeben: Von Süddeutschland aus dauert das länger. Aber dafür kann man alles einpacken, was Telemark verdient – Ski-Equipment, Langlaufausrüstung, Touren-Add-ons – und genug warme Kleidung für echte nordische Wintertage.
Telemark ist ein überdimensionaler Wintersport-Spielplatz. Und dieser Spielplatz verlangt nicht nach „schnell hin, schnell weg“, sondern nach Ausrüstung und Zeit. Wir haben uns drei Wochen gegönnt.
Per Fähre nach Norwegen: Fjord Line oder Color Line?
Für die Anreise per Fähre gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:
Kiel – Oslo (Color Line): große Schiffe, Kreuzfahrt-Feeling, Fahrtdauer ca. 20 Stunden.
Hirtshals – Langesund (Fjord Line): kompakte Passage, Fahrtdauer ca. 4,5 Stunden.
Wer dabei auf die Umwelt achten möchte, bucht bei Fjord Line: Die Reederei setzt auf dieser Strecke Schiffe ein, die mit LNG (Flüssigerdgas) betrieben werden – angenehm leise, ohne Abgasgeruch an Deck.

Autorin Susa auf Loipen, die sich wie endlose Linien durch die Landschaft ziehen. Foto: Susa Schreiner
Telemark im Winter: Holz, Kerzenlicht und Feuerstellen
Schon auf dem Schiff strecken wir die Köpfe in den Fahrtwind und schauen auf die Häuser: In vielen Fenstern brennt warmes Licht. In vielen Gärten steht ein Dreibein-Grill. Zwei Bilder, die in Telemark dauerhaft bleiben: Kerzenlicht und Feuerstellen.
Autofahren in Norwegen im Winter: Warum hier nicht gesalzen wird
Autofahren im norwegischen Winter ist gewöhnungsbedürftig – und gleichzeitig ein Ausdruck von Haltung: Viele Straßen werden aus Rücksicht auf Wildtiere nicht gesalzen oder gekiest. Rentiere und Elche sollen sich nicht verletzen, wenn sie Straßen queren oder entlanglaufen. Schneeketten sind hier kein nettes Extra, sondern ebenso wichtig wie sehr gute Winterreifen. Und man nimmt sich Zeit beim Fahren. Der Verkehr ist überschaubar, dafür gibt es viel zu sehen: Seen unter dicken Eisschichten, Tierspuren, Norweger beim Eisangeln. Manche verbringen ganze Wochenenden auf dem See – mit Zelt und Thermoskanne.
Skifahren in Telemark: Entschleunigt statt überfüllt
Während man in vielen Skigebieten der Alpen dem „Earlybird“ hinterherjagt, geht in Telemark vor zehn Uhr oft gar nichts: Es ist schlicht zu kalt und im Hochwinter auch zu dunkel. Außerdem wird hier noch „ehrlich“ transportiert – mit Ankerliften oder 2er- und 4er-Sesseln. Gondeln, die hunderte Skifahrer:innen in Rekordzeit auf den Berg bringen, braucht es nicht.
Das Ergebnis: Der Winter fühlt sich hier leiser an. Keine hektische Liftspur, kein Gedränge, kein Dauerlärm. Telemark ist ideal für Familien und Genussfahrer:innen – und für alle, die wieder spüren wollen, wie Skifahren früher war: unkompliziert, weit, ruhig.
Gaustatoppen: Freeride-Potenzial und Gaustabahn-Erlebnis
Ein ganz besonderes Ski-Schmankerl ist der Gaustatoppen (1883 m), Südnorwegens höchster Berg. Ein Freeride-Paradies, das noch immer ein wenig im Dornröschenschlaf schlummert. Der Berg wirkt wie ein breiter, abgeschnittener Vulkankrater und das geübte Freeride-Auge erkennt sofort sein Potenzial: Hier liegt ein „Face“ neben dem anderen. Von steil bis moderat. Ein Traum.

Der Gaustatoppen ist südnorwegens höchster Berg und ein Freeride-Paradies. Foto: Susa Schreiner
Bergwärts gibt es keine klassischen Liftanlagen. Entweder man steigt mit Ski auf oder fährt mit der Gaustabahn hinauf: einer Schmalspurbahn, die im Kalten Krieg in den Berg gehauen wurde und lange streng geheim war. Heute befördert sie Tourist:innen – und, so heißt es, auch den norwegischen König. Allein die Auffahrt samt Umstieg mitten im Berg ist ein Erlebnis.
Oben angekommen peitscht einem der Wind entgegen. Das Panorama entschädigt aber sofort. Und in der gemütlichen Hütte – die unter den Schneemassen erst einmal gar nicht als Hütte zu erkennen ist – warten Waffeln, heißer Kaffee und warmes Kerzenlicht. Danach folgt das Beste: Abfahrt durch fluffigen Pulverschnee.
Langlaufen in Telemark: Loipen rund um Rauland
Langlaufen in Norwegen ist nicht einfach Sport. Es ist Kultur. In Telemark – besonders rund um das Rauland Skicenter – wird das spürbar: rund 30 Loipen mit etwa 150 Kilometern Gesamtlänge ziehen sich durch Wälder, über freie Flächen, entlang gefrorener Seen.
An Wochenenden gehen die Norweger:innen mit Kind und Kegel in die Spur. Es wird „lang“ gelaufen – und genauso lang Pause gemacht. Picknick gehört dazu, wie der Kaffee in die Thermosflasche. Und trotzdem fühlt es sich nie überfüllt an: Die Loipen sind so weitläufig, dass jede:r den eigenen Rhythmus findet.
Nach dem Sport trifft man sich am Skicenter: auf Holzblöcken sitzend, mit Fellen gepolstert, rund um den Dreibein-Grill am offenen Feuer. Dazu heißer Kaffee, Zimtschnecke, vielleicht ein Bier. Wer das einmal erlebt hat, versteht, warum Norweger:innen Winter nicht überstehen – sondern feiern. Und wir mittendrin. Norge, vi kommer tilbake. Takk!