Die Tirolerin Lena Koller befindet sich mitten in der Bergführerausbildung in Österreich. Ein Gespräch über ihre Erfahrungen in einer Männerdomäne und die Liebe zu den Bergen.
Conrad Magazin: Warum hast Du Dich dazu entschieden Bergführerin zu werden?
Lena Koller: Erstmal liebe ich die Berge. Ich habe als Mountainbike-Coach auch schon erfahren, wie spannend die Arbeit mit Menschen und Gruppen in so einem Setting sein kann. Es ist definitiv keine einfache Aufgabe. Aber die Freude mit motivierten Menschen teilen zu können, die vielleicht über sich selbst hinausgewachsen oder um ein besonderes Bergerlebnis reicher sind, macht auf jeden Fall alles wett.
Was umfasst die Ausbildung?
Als Erstes musst Du die Aufnahmeprüfungen im Winter und Sommer schaffen und Dein Tourenbuch vollständig haben. Dann geht es in die Kursblöcke, die die Aspirant:innen aufbauend über dreieinhalb Jahre bis zur finalen Abschlussprüfung in Chamonix führen. Bei jedem Kurs herrscht 100-prozentige Anwesenheitspflicht, immanenter Prüfungscharakter über die Woche und es gibt Abschlussprüfungen. Sportlich gesehen umfassen die Kurse Felsklettern (Sport- und Alpinklettern), Skifahren auf der Piste und im Freeride, Skitouren und Lawinenkunde, Ski- und Sommerhochtouren sowie Eisklettern. Außerdem sind große Kernthemen bei jedem Kursteil die Tourenplanung, Seil- und Sicherungstechnik, Orientierung, Wetter-, Schnee- und Lawinenkunde, Notfallmanagement und einiges mehr.
Wie viele Bergführer:innen gibt es in Österreich und wie viele davon sind Frauen?
In Österreich gibt es derzeit etwa 1.500 Bergführer:innen, davon knapp 30 Frauen. In meinem Jahrgang sind wir 35 Teilnehmende, davon zwei Frauen.

Lena Koller ist eine der wenigen Bergführeranwärterinnen und ist sich sicher, dass es mehr weibliche Vorbilder am Berg braucht. Foto: Sport Conrad
Denkst Du, Frauen füllen die Rolle anders aus als Männer?
Grundsätzlich glaube ich, dass alle gleichermaßen davon profitieren würden, wenn es eine ausgeglichene Geschlechterverteilung im Berufsfeld gäbe. Meiner Meinung nach gibt es schon gewisse Charakterzüge, die bei Frauen oder Männern tendenziell häufiger vorkommen und für den Bergführer:innen-Beruf von Vorteil sein können. Da denke ich bei Frauen z. B. an Geduld oder Empathie und bei Männern an Selbstbewusstsein oder Entschlossenheit. Wir können in vielen Bereichen voneinander lernen. Ich denke, dass jede:r Bergführer:in die Rolle in gewissem Maß anders ausführt. Ich glaube aber nicht, dass das unbedingt vom Geschlecht abhängt. Vielleicht eher davon, mit welcher Erwartungshaltung Kund:innen, Kolleg:innen oder die Gesellschaft einer Bergführer:in begegnen. Ich kann da aber noch nicht aus eigener Erfahrung sprechen, bin daher sehr gespannt, wie ich die Rolle selber füllen kann und hoffe, meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können.
Warum ist es gut, wenn mehr Frauen den Beruf für sich entdecken?
Es braucht einfach generell viel mehr weibliche Vorbilder am Berg. Ich glaube, wenn Frauen andere Frauen in Führungsrollen sehen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen, die vorsteigen oder als Frauenseilschaft unterwegs sind, dann wächst der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. Eigenverantwortlich am Berg unterwegs zu sein ist extrem gut für die Selbstwirksamkeit – es stärkt das Selbstvertrauen, mit schwierigen Situationen klarkommen zu können. Gleichzeitig ist es sicherer, denn man lernt Gefahren besser einzuschätzen. Und vor allem macht es einfach Spaß! Deshalb sollte es mehr Bergführerinnen und damit mehr weibliche Vorbilder am Berg geben.

Selbstwert lässt sich nicht an Leistungen messen, das hat Lena Koller u.a. aus ihrer Bergführer:innenausbildung mitgenommen. Foto: Sport Conrad
Hat sich Dein Blick auf die Berge und die Natur durch die Ausbildung verändert?
Ich nehme die Gefahren besser wahr. Früher war ich bestimmt naiver und befreiter. Gleichzeitig ist es ein gutes Gefühl, immer mehr Werkzeuge für den Umgang mit unvorhersehbaren Situationen in der Hand zu haben. Klar wird auch das Bewusstsein stärker, wie wir als Menschen der Natur schaden. Das wird in hohen Bergen oder auf Gletschern nochmal viel deutlicher. Dort steigen durch den Klimawandel die objektiven Gefahren rasant an, das ist für Bergführer:innen natürlich ein zusätzliches Risiko.
Was hast Du in der Bergführerausbildung über Dich selbst gelernt?
Dass es wichtig für mich ist, meinen Selbstwert nicht an Leistungen zu messen, und ich gleichermaßen auch andere nicht nach deren Können bewerten möchte. Ich merke immer deutlicher, wie wichtig mir persönliche Weiterentwicklung und Lernen sind. Ich hoffe, niemals die Motivation zu verlieren, an meinen Hard- oder Soft Skills zu feilen.
Und was über andere Menschen?
Jede:r hat Angst zu scheitern und das ist für niemanden leicht, wir sitzen da alle im selben Boot. Und Prüfungen, von denen es in der Bergführerausbildung viele gibt, beinhalten nun einmal die Möglichkeit zu scheitern. Das Selbstvertrauen nach einem kleinen oder größeren Rückschlag wieder aufzubauen, bereichert jedoch die Persönlichkeit und stärkt die Resilienz.

„Herausforderungen einfach mal annehmen und sich trauen, etwas auszuprobieren“, betont Lena Koller im Interview. Foto: Sport Conrad
Und was fürs Leben?
Dass es sich lohnt, viel Energie für ein großes persönliches Ziel zu investieren. Und Herausforderungen einfach mal annehmen und sich trauen, etwas auszuprobieren – selbst wenn es sich im Vorhinein viel zu schwierig oder vielleicht unmöglich anfühlt.
Hast Du einen Tourentipp in Deiner Heimat?
Im Sommer bin ich extrem gern im Schüsselkar oder im Wilden Kaiser beim Klettern. Im „Koasa” war ich als Kind schon oft beim Wandern, da fühlt sich alles sehr vertraut an. Im Winter faszinieren mich die Kalkkögel jede Saison aufs Neue, mit ihren schroffen Zacken und Rinnen – eine Skitour dort hat mich irgendwie noch nie enttäuscht. Man nennt sie nicht umsonst „Little Dolomites“.