Ein Gespräch über Laufen, Lebensbalance und den Spirit der Berge mit Trailrunning-Legende Jonathan Wyatt
Sechsmaliger Berglauf-Weltmeister, zweifacher Olympionike über 5.000 Meter und im Marathon – Jonathan Wyatt ist eine lebende Trailrunning-Legende. Der gebürtige Neuseeländer lebt heute mit seiner Familie im italienischen Val di Fiemme – und hat seine Leidenschaft für den Berglauf nie verloren. Seine aktive Zeit als Läufer ist vorbei, an Stillstand ist dennoch nicht zu denken. Wir haben mit Jonathan über die Geheimnisse seiner Karriere und das Auslaufen nach dem High gesprochen.

Sechsmaliger Berglauf-Weltmeister, zweifacher Olympionike über 5.000 Meter und im Marathon – eine lebende Trailrunning-Legende. Foto: Sport Conrad
Conrad Magazin: Du hast eine lange und sehr erfolgreiche Laufkarriere hinter dir und verschiedene Laufdisziplinen ausprobiert. Bis 2006 bist du ziemlich verletzungsfrei geblieben. Wie bist du mit den extremen körperlichen Belastungen deiner Karriere umgegangen?
Jonathan Wyatt: In Neuseeland sagen wir immer, dass Laufen der größte Kontaktsport ist, der kein Kontaktsport ist. (lacht) Dort dreht sich alles um Rugby, ein sehr körperlicher und harter Sport. Aber auch das Laufen ist extrem herausfordernd, weil man unzählige Male auf dem Boden landet und der Aufprall den Körper stark belastet. Zum einen war es wohl einfach ein bisschen Glück. Zum anderen ist die Art und Weise, wie viele Spitzenläufer:innen und auch ich laufen, sehr effizient. Ich laufe meistens in neutraler Haltung. Es gibt also keine großen biomechanischen Probleme, die zu Verletzungen führen könnten. Aber es geht auch viel um den Umgang mit Verletzungen. Ich habe immer darauf geachtet, mich massieren zu lassen und mit PhysiotherapeutInnen zu arbeiten. In gewisser Weise lief ich nicht so viele Kilometer wie andere. Viele Läufer:innen laufen zweimal am Tag. Ich lief normalerweise nur einmal am Tag, danach machte ich ein zweites Training, vielleicht mit dem Fahrrad oder im Fitnessstudio. Zusätzlich mache ich Dehnübungen und Übungen neben dem Laufen. Außerdem wäre ich wahrscheinlich nicht so lange gelaufen, wenn ich nicht mit dem Berglauf angefangen hätte. Damals gingen viele Rennen nur bergauf. Dabei kommt es nicht zu so vielen harten Stößen.
Was fasziniert dich am Laufen?
Wyatt: Über all die Jahre wird das Laufen Teil der Routine und Teil dessen, was man ist. Es ist mit Sicherheit ein Element der Sucht dabei. Stressig wird es eigentlich nur, wenn man es nicht tun kann. Für mich ist es kein Problem, nicht laufen zu gehen. Aber es ist viel schwieriger, wenn ich nicht laufen kann. Man möchte immer die Möglichkeit dazu haben. Ich glaube, was ich am meisten liebe, ist die Tatsache, dass ich allein unterwegs bin – wenn man nur mit seinen Gedanken bei sich ist. Es gibt keine Ablenkung. Ich nehme nie ein Telefon mit, also habe ich nicht viele Fotos von meinem Lauf (lacht). Aber das gehört dazu. Das ist eine Möglichkeit, die Welt für eine Weile auszublenden. Man kann einfach über die Dinge nachdenken. Bei Problemen gibt einem ein Lauf mehr Selbstvertrauen, in eine bestimmte Richtung zu gehen.
Es hat sicherlich einen meditativen Aspekt, vielleicht sogar einen spirituellen. Dafür gibt es Beispiele in allen möglichen Kulturen, wie etwa die japanischen Mönche, die zehn Jahre lang jeden Tag einen Marathon laufen. Das klingt unglaublich verrückt. Aber es ist so ein einfacher Prozess, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und dann ist da die Stimulation, die man bekommt, wenn man in der Natur unterwegs ist. Du biegst auf einem unbekannten Weg um die Ecke und plötzlich siehst du etwas vor dir, was dich staunen lässt. Das gibt dir immer wieder Stimulation. Und auf der anderen Seite steht Meditation, bei der man sich eigentlich fast nur auf sich selbst konzentriert. So kommen also beide Dinge zusammen.

„Über all die Jahre wird das Laufen Teil der Routine und Teil dessen, was man ist“, erklärt Jonathan Wyatt. Foto: Sport Conrad
Du arbeitest seit 2017 für den Bergsportausrüster La Sportiva aus dem Val di Fiemme. Dabei bist du Teil des R&D Teams im Bereich Trail Running Produktentwicklung. Kannst du ein Produkt nennen, auf das du wirklich stolz bist und das du mitentwickelt hast?
Wyatt: Im Mai und Juni 2023 haben wir einen Trailrunning-Schuh vorgestellt, den wir im Austausch mit unseren Teamläuferinnen entwickelt haben. Der Schuh heißt Levante. Es ist ein Mittel- bis Langstrecken-Trailrunning-Schuh, der speziell für unsere Läuferinnen entwickelt wurde. Der Schuh ist wirklich gut gelungen. Wir wollten ihn so umweltverträglich wie möglich gestalten. Der Levante besteht zu 50 Prozent seines Gewichts aus ökologisch nachhaltigem oder recyceltem Material. Aber die Zusammenarbeit mit den Läufer:innen war nicht einfach. Wir begannen das Projekt als es gerade mit Corona losging. Wir mussten wirklich darum kämpfen, den Schwung des Projekts beizubehalten, denn es hat länger gedauert, als geplant. Aber es war wirklich schön zu sehen, dass die Teilnehmer:innen mit Begeisterung bei der Sache waren und ihre eigene Energie in das Projekt investiert haben.
Gibt es eine Lektion, die du im Laufe deiner Karriere gelernt hast und die du gerne früher gewusst hättest?
Wyatt: Ich scherze manchmal, dass das Beste, was mir hätte passieren können, wäre, wenn meine Eltern mir einen Golfschläger statt eines Laufschuhs geschenkt hätten. Ich hätte damit viel mehr Geld verdienen können (lacht).
Ich bin in einem schlechten Sport gelandet, um Geld zu verdienen. Aber ich denke, ich habe dennoch eine Karriere daraus gemacht. Es war mir wichtig, das Laufen nicht zum Beruf zu machen, um mich nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Zu wissen, dass ich laufen muss, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, hätte mir den Spaß am Laufen genommen. Ich wollte wirklich sicherstellen, dass das Laufen etwas ist, was ich zusätzlich zu anderen Dingen tue. Deshalb habe ich an der Universität meinen Abschluss in Architektur gemacht und danach noch vier oder fünf Jahre in der Architektur gearbeitet. Natürlich wurde das weniger, je mehr Zeit ich mit dem Laufen verbrachte. Aber es war mir immer wichtig, ein Gleichgewicht im Leben zu haben und nicht nur Vollzeitläufer zu sein.
Hast du etwas typisch Neuseeländisches mit nach Italien genommen?
Wyatt: Als wir das Haus gebaut haben, habe ich einige Teile des Hauses aus Holz aus Neuseeland gestalten lassen. Außerdem ist das Schöne an unserer Tochter Dorothy, dass ich durch sie die Möglichkeit habe, ihr etwas von der Sprache Maori, der Sprache der Ureinwohner Neuseelands, beizubringen. Das ist etwas, das wir in der Schule nur wenig gemacht haben. Es war nicht sehr beliebt. Aber heute ist es sehr wichtig, dass die Kinder etwas von dieser Sprache lernen, um sie zu erhalten. Für mich ist das ein guter Ansporn, selbst etwas von der Maori-Sprache zu lernen.
„Das klingt unglaublich verrückt. Aber es ist so ein einfacher Prozess, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“ Foto: Sport Conrad
Trailrunning als Lebensschule
Jonathan Wyatt zeigt, wie man aus Leidenschaft eine lebenslange Motivation macht – ohne sich im Wettkampf zu verlieren. Seine Geschichte ist ein Beispiel für nachhaltigen Erfolg im Ausdauersport. Zwischen Weltklasseleistungen und bewusster Lebensführung hat er seinen eigenen Weg gefunden – nah an der Natur, mit klarer Haltung und viel Herz für den Sport.
