Familie vor Lifthäuschen

Ein Plädoyer für kleine Skigebiete – Ein Interview mit Michael Krinner

Erst wenn ausreichend Schnee liegt, öffnen kleine Skigebiete, die ohne künstliche Beschneiung auskommen. Das erfordert von den Betreiber:innen ein hohes Maß an Flexibilität und jede Menge Eigenengagement. Michael Krinner, 49 Jahre, betreibt nebenberuflich gemeinsam mit zwei Kollegen das Skigebiet Ötzlifte. Wir treffen den Katastertechniker aus Wolfratshausen am Lifthäuschen zum Gespräch über die Liebe zum Skifahren, zur Heimat und das stille Glück der Idealisten.

 

Bild von Michael Krinner
Michael Krinner berichtet, wie es ist, einen eigene lokalen Skilift zu betreiben. Foto: Sport Conrad

 

Conrad Magazin: Wie sind Sie dazu gekommen, als Liftbetreiber zu arbeiten? 

Der Lift wurde 1969 von der Firma Heuß aus Geretsried errichtet. Der Besitzer hat den Lift 30 Jahre bis 1999 betrieben, dann war der Lift abgeschrieben und der Betrieb für ihn aus Altersgründen nicht mehr interessant. Meine zwei Kollegen waren damals bei der Firma Heuß angestellt und arbeiteten im Winter im Betrieb mit. Sie wollten den Lift erhalten und haben herumgefragt, wer einsteigen möchte, unter anderem auch mich. So haben wir unsere Arbeit 1999 zusammen begonnen.

 

Hatten Sie damals bereits eine persönliche Verbindung zum Skigebiet?

Ich habe hier das Skifahren gelernt und später für ein geringes Taschengeld als Aushilfe in den Aufsichtshäuschen an den Ausstiegen gearbeitet – so wie eigentlich alle Kinder in meiner Generation. Das war auch unsere Motivation, den Lift zu erhalten.

Das Skigebiet hier ist für die Kinder in der Gemeinde Kochel und die umliegenden Orte einfach die günstigste und schnellste Lösung, Skifahren zu gehen, ohne dafür längere Wege fahren zu müssen. Die Eltern geben die Kinder unkompliziert ab, die Kinder fahren den ganzen Tag und werden abends wieder abgeholt. Das hier ist ein Treffpunkt für die Kinder. Sie können auch außerhalb der Pisten durch die Wälder fahren. Sich frei bewegen zu können, ist für sie das Spannende.

 

Wer besucht das Skigebiet Ötzlifte?

Vor allem Familien mit kleineren Kindern, die ihre ersten Schwünge machen. Aber wir haben am Wochenende auch sehr viele Münchner und Menschen aus den umliegenden Gemeinden. An den Wochenenden, wenn es frisch geschneit hat und sonnig ist, sind 300 bis 400 Leute da. 

 

Finanzielle Engpässe und schneearme Winter haben einen großen Einfluss auf den lokale Skigebiete, wodurch es zu Betriebspausen kommen kann. Foto: Sport Conrad

 

Welche Aufgaben umfasst Ihre Tätigkeit?

Die Saisonvorbereitungen starten im November. Wir entfernen die Weidezäune, warten die Anlagen, machen Ölwechsel bei unseren beiden Pistenraupen, hängen die Schleppgehänge ein. Jedes Jahr kommt der TÜV zu einem der Lifte, um die Seile zu prüfen. Dazu müssen an einem der Lifte jedes Jahr abwechselnd alle Gehänge abgenommen werden. Danach heißt es: Warten, dass der Winter kommt. Meistens gibt es einen sehr überraschenden Wintereinbruch, sodass wir nicht planen können. Ein Tag Vorlaufzeit und am nächsten Tag müssen wir schon öffnen können.

Wenn genug Schnee da ist, kümmern wir uns um die Pistenpräparierung, Beschilderung an den Straßen, machen Werbung in den umliegenden Gemeinden, schalten Zeitungsannoncen und schreiben Schulen an. Die Schulen melden sich meistens auch gleich und wollen einen Wintersporttag machen, denn sie wissen, dass bei uns der Winter relativ schnell wieder vorbei sein kann. Die ersten zwei bis drei Tage sind ziemlich stressig, vor allem für mich, weil ich nebenbei auch alle kaufmännischen Aufgaben übernehme. Dann arbeite ich 12 bis 15 Stunden am Tag.

Zu den Ötzliften gehört außerdem ein Stüberl, das von zwei Betreiberinnen gepachtet wird. Auch sie müssen auf den Wintereinbruch Knall auf Fall reagieren und einkaufen. In der Saison 23/24 hatten wir acht Betriebstage und 300 Arbeitsstunden. Für die Vorbereitung und Nachbereitung kommen etwa 100 Stunden hinzu.

 

Der Liftbetrieb verlangt Ihnen viel Eigenengagement ab. Was bekommen Sie dafür zurück? 

Es ist einfach schön zu sehen, wie die Kinder nach und nach Skifahren lernen und wie schnell es geht. Auch, dass die Kinder lernen können, ohne dass die Eltern dafür bis nach Österreich fahren müssen. Der Winter ist einfach eine schöne Zeit, wenn sich bei uns oben alles trifft. Da kommen auch die Älteren, die nicht mehr Skifahren, und treffen sich im Stüberl.

Das Schönste für die Kinder ist es, Ski zu fahren und danach zusammen Würstel zu essen. Es steckt viel Eigeninitiative in unserer Arbeit, aber das wird von den Skifahrern auch honoriert. Wenn sie mitbekommen, dass es finanziell eng wird, starten manche Spendenaktionen oder sind einfach geballt jeden Tag da, sobald wir öffnen können. Unser Engagement wird gut angenommen, so macht es auch Spaß.

 

An einem Lift können sich bei Anfänger:innen auch kleine Dramen abspielen, oder? 

Am Anfang ist es schon schwierig und auch anstrengend für die Eltern. Da müssen sie sich an den Strick klammern, die Kinder zwischen die Beine nehmen und dann zwei Personen hochziehen. Das geht in die Arme, sowas macht keiner länger als ein bis zwei Stunden. Dann sind entweder die Handschuhe kaputt oder die Eltern. Aber es wird zum Glück schnell besser. Am Lift ist es schön zu beobachten, wenn die Kinder kleine Verfolgungsrennen veranstalten. Wer schneller unten ist, wer wen einstaubt – das ist immer ein Spaß.

 

Schlepplift fahren, kann besonders mit kleinen Kindern körperlich anstrengend werden. Foto: Sport Conrad

 

Wie haben sich die Liftpreise entwickelt? 

2003 hat die Tageskarte bei uns 10 € gekostet und die Halbtageskarte für 7,50 €, die letzte Saison 2024 waren es 25 € und 18 €. Alle fünf Jahre hatten wir eine Preiserhöhung von 20 bis 25 Prozent. Wir finanzieren uns rein über die Tickets und haben jährlich Fixkosten von rund 4.500 €.

Wir müssen damit rechnen, dass klimabedingt immer mal wieder Ausfallwinter kommen werden. Diese Ausfallwinter müssen wir finanziell überbrücken. In den Wintern 19/20, 20/21 und 21/22 hatten wir keinen Skibetrieb. Da wurde es wirklich eng und wir haben von der Gemeinde Unterstützung bekommen.

 

Wie lange haben Sie persönlich vor, den Betrieb aufrechtzuerhalten? 

Solange es die klimatischen Verhältnisse zulassen und solange wir drei Betreiber es zeitlich und altersbedingt noch weitermachen können.

 

Was ist Ihr Plädoyer für den Besuch und den Erhalt kleiner Skigebiete?

Das Skifahren in kleinen Gebieten ist kostengünstiger als in großen. Außerdem herrscht eine persönliche und familiäre Atmosphäre, weil die Gäste uns Liftbetreiber zu Gesicht bekommen und man ein paar Takte reden kann. Die Kinder können einfach unkompliziert und schnell Skifahren lernen. Außerdem sind kleine Skigebiete ein sozialer Treffpunkt für die Gemeinde und darüber hinaus.

 

Das könnte dich auch interessieren: