Berglauf ist ihr Leben: Interview mit Rosi Bayer

Sie läuft die steilsten Trails, die weitesten Strecken. Und das mit 63 Jahren. Rosi Bayer aus Mittenwald liebt den Berglauf. Und nimmt an vielen Wettbewerben teil. Zwei Mal gewann sie zum Beispiel den Salomon Cup gesamt, drei Mal gewann sie die Bergwertung. Immer wieder stellt sich Rosi Bayer den Herausforderungen, die der Berg ihr stellt.  Auch denen, die ihr Körper ihr aufzeigt. 2017 stürzte sie beim Zugspitz Ultratrail und lag mit schwersten Verletzungen auf der Intensivstation. Drei Monate später gewann sie einen Wettkampf in Italien. Ein Jahr nach ihrem Sturz startete sie wieder beim Zugspitz Ultratrail.  Im Interview erzählt sie, warum es nie zu spät ist,  um mit dem Trailrunning zu beginnen und was das Besondere am Berglaufen ist. 

 

Servus Rosi, wie lief es beim Zugspitz Ultratrail für Dich? 

Leider nicht ganz so, wie ich gehofft habe. Während des Laufens kamen wieder starke Krämpfe. Das wurde mir 2017 bereits zum Verhängnis als ich meinen schweren Sturz hatte. Darum hab ich mich entschieden, vorab abzubrechen.

 

Du warst damals schwerst verletzt. Es stellte sich die Frage, ob Du überhaupt jemals wieder bei einem Trailrun-Wettbewerb teilnehmen kannst.

Das stimmt. Mit schweren Herz- und Lungenverletzungen lag ich auf der Intensivstation in Garmisch-Partenkirchen. Alles war gebrochen. „Mit Laufen geht gar nichts mehr“ hat mir ein Arzt damals prophezeit. Anfangs hab ich das gar nicht realisiert. Ich musste ja heftige Schmerzmittel nehmen. Erst auf der normalen Station hab ich begriffen, was die Verletzung für mich bedeutet. Ich hätte sterben können. 

 

Wie hast Du Dich zurückgekämpft?

Die Werte gingen ziemlich schnell wieder nach unten. Mein Glück war, dass ich so fit war und das Herz gut trainiert war. So konnte ich mich schnell wieder stabilisieren. Dann hat ein Arzt zu mir gesagt: „Es ist noch nicht aller Tage Abend.“ Das hat mich so  motiviert, dass ich angefangen habe, erst eine Stufe zu gehen, dann zwei, dann drei. Das war von der Anstrengung her schon wie ein Zugspitz-Lauf für mich. Eigentlich durfte ich ja nur mit dem Aufzug fahren. 

 

Nach drei Monaten bist Du Deinen ersten Wettkampf gelaufen. 

Ja, in Italien, wo mich keiner kennt (lacht). Der Wettkampf war in Monte Baldo. 13 Kilometer mit 1400 Höhenmetern. In meiner Kategorie (ab 40 Jahren) hab ich gewonnen, dabei wollte ich einfach dabei sein und schauen, wie es geht. Das Gefühl im Ziel war unbeschreiblich. Ich hab sogar geweint. 

 

Das hört sich sehr emotional an. Was bedeutet Dir Trailrunning und Berglaufen? 

Alles. Berglaufen ist mein Leben. Am meisten hat mich gefreut, als ich nach meinem Unfall beim Vertical Up teilgenommen und den dritten Platz der Frauen international geschafft habe. Das war nicht irgendein Wettkampf, da läufst du ja Weltcup-Strecken. Mich hat das richtig gepusht. 

 

Respekt. Dabei bist Du erst relativ spät zum Berglaufen gekommen. Magst Du Deine Geschichte erzählen?

Angefangen hat alles 1985 – ausgerechnet nach einer Bandscheibenoperation. Mein Physiotherapeut hat gesagt: lockeres Laufen wäre gut für meine Bandscheibe. Angefangen hab ich mit einem Kilometer,  dann mit fünf Kilometern und so weiter. So bin ich peu á peu reingekommen. Am Anfang hab ich gesagt „In meinem Leben lauf ich keinen Berg“. Dann hat der Trainer gesagt: „Doch das probieren wir.“ Der Rest ist Geschichte. Dann ging es immer weiter und immer höher 

 

Vermutlich warst Du damals anders unterwegs als heute? Was hast Du beim Trailrunning gelernt?

Ich musste wirklich viel lernen (lacht). Am Anfang dachte ich, ich brauch keinen Laufschuh, ich lauf einfach mit den Tennisschuhen. Und das im weißen Baumwoll-Shirt… Relativ schnell hab ich dann gemerkt, dass es so was wie Funktionskleidung gibt, dass es sogar Mode im Laufbereich gibt. Heute ist mir das sehr wichtig. Ich trage gerne modische Trailrun-Bekleidung. Meine Lieblingsmarken sind Salomon und Dynafit.

 

Was ist das Allerwichtigste beim Trailrun-Outfit?

Der Schuh muss passen. Für den Zugspitz Ultratrail haben wir in Ramen von „Road to Garmisch“ den Salomon Sense Ride bekommen.  Ich bin mit dem Schuh super zufrieden. Er hat den richtigen Grip, ist sehr leicht, aber trotzdem stabil. Ich war auch während des Laufs sehr zufrieden. Normalerweise habe ich je nach Wetter und Berg einen anderen Trailrun-Schuh. 

 

Wie viele Trailrunning-Schuhe hast Du denn in Deinem Schrank?

Zirka 7. Jeder Trail und jeder Berg hat unterschiedliche Herausforderungen. Vor allem wenn man bergab läuft, müssen die Schuhe viel können. Sie müssen Dir Halt geben und einen Grip haben. Und gute Laufstöcke sind wichtig. Beim Vertical-Run hatte ich neue Laustöcke von Leki mit ganz scharfer Spitze. Natürlich waren sie superleicht. Damit bin ich gut durchgekommen. 

 

Du bist 63. Dass man Dir Dein Alter nicht ansieht, wirst du vermutlich täglich hören. Glaubst Du es ist nie zu spät mit dem Laufen anzufangen?

Ich glaube tatsächlich, dass es nie zu spät ist. Ich glaube, dass Fitness nicht altersabhängig ist. Ich denke mir ehrlich gesagt auch oft bei Jüngeren, dass sie mehr Sport machen könnten. Als ich beim Schafberglauf am Wolfgangsee gelaufen bin, wurde ein 85-jähriger Mann geehrt.  Der hat 5,8 Kilometer und 1.190 Höhenmeter in einer Zeit von 1.20 Stunden bewältigt.

 

Was ist für Dich das Besondere am Trailrunning? 

Ich liebe das Laufen. Ich bin froh, dass ich wieder laufen kann und darf. Nach dem Unfall mehr als den je. Und ich schätze die Community, die man bei den Wettkämpfen trifft. Wir sind eine große, internationale Familie. Ich habe durch das Berglaufen Menschen aus ganz Europa und sogar aus Australien oder Kenia kennengelernt. Als ich im Krankenhaus lag haben mir die Kenianer eine Videobotschaft geschickt und mir gesagt, dass sie an mich glauben. Dass ich bald wieder laufen werde. Sie hatten recht.